Die Fastenzeit ist für uns Christen eine Einladung zur Umkehr: Innehalten, neu ausrichten und für das gute Leben aller Menschen einzustehen. In diesen sieben Wochen vor Ostern hängt in unserer Kirche das Misereor-Hungertuch und lädt uns ein, nicht nur „kurz hinzuschauen“, sondern uns von seiner Bildsprache berühren zu lassen. Das neue Hungertuch – gestaltet vom afrikanischen Künstler Sokey A. Edorh – führt in eine Slumlandschaft. Wir sehen Enge, Armut, Verletzlichkeit – und zugleich sehen wir: Diese Menschen sind nicht farblos. Die Hütten und die Personen sind in kräftigen Farben gemalt. Das ist eine erste Botschaft: Armut nimmt einem Menschen nicht die Würde. Da ist Leben, da ist Mut, da ist Hoffnung – mitten im Schweren.
Im Hintergrund aber stehen grosse Öltanks und Fördertürme. Auffällig ist, dass sie fast weiss sind, unauffällig gemalt, als wären sie „neutral“. Und genau darin liegt eine stille Provokation: Sie drängen sich nicht nach vorne. Und genau das wirkt wie eine stille Anklage: Die Kräfte, die Wohlstand erzeugen, bleiben im Hintergrund – aber sie prägen das Leben der Menschen im Vordergrund. Die Hütten und die Menschen dagegen sind in grellen, kräftigen Farben gemalt. Als wollte das Bild sagen: Hier, wo es eng ist und schwer, ist trotzdem Leben. Hier ist niemand nur „Problem“. Hier sind Menschen. Das Hungertuch sagt uns: Schau nicht nur auf die Not – frage auch nach den Ursachen. Nicht alles ist Schicksal. Vieles hat mit Strukturen zu tun, mit Verteilung, mit dem, wovon andere profitieren.
Es gibt Szenen, die schmerzen: jemand ist eingeschlossen, ein Mensch liegt krank auf einer Pritsche, Demonstranten sind unterwegs. Das erinnert uns daran: Not ist nicht nur ein Gefühl – Not hat Gesichter. Und sie ruft nach Gerechtigkeit.
Und doch zeigt das Hungertuch genauso Szenen, die aufatmen lassen: ein Lehrer unterrichtet, eine Schwester kümmert sich um Kranke, Kinder fahren Fahrrad. Wo Menschen einander beistehen, wird das Leben heller – mitten im Staub, mitten im Lärm.
In der Mitte steht die zentrale Szene: eine Frau bringt frisches Wasser. Gross wirkt sie, kraftvoll zieht sie den Karren. Kinder helfen ihr. Sie trägt einen leuchtend gelben Rock und eine saubere blaue Bluse – und das Wasser im Fass scheint fast fröhlich zu hüpfen. Wasser ist Leben. Wasser ist Würde. Wasser ist Zukunft. Und Wasser ist im Glauben auch ein starkes Zeichen: Es erinnert an die Taufe – an Gottes Zusage: Du bist mein geliebtes Kind. Und es erinnert an Jesu Wort vom „lebendigen Wasser“, das den Menschen innerlich aufrichtet. Damit steht in der Mitte ein Werk der Barmherzigkeit, ganz konkret: „Den Durstigen zu trinken geben.“ Aber es geht noch weiter: Wer Wasser bringt, bringt Gesundheit, Hoffnung, Möglichkeiten. Und wer mitträgt, zeigt: Niemand muss allein bleiben.
Ein Lichtkreis legt sich um sie – fast wie ein Heiligenschein. Und über ihr sehen wir die Taube: den Heiligen Geist. Das ist der stärkste Moment des Hungertuchs: Gottes Geist kommt nicht über den sauberen Öltanks, sondern über der Barmherzigkeit. Heilig ist nicht die Macht – heilig ist das Mitgefühl, das handelt. Gott wirkt dort, wo Menschen sich aufrichten, teilen, helfen, sich einsetzen.
So bringt das Hungertuch das Thema der Fastenzeit auf den Punkt: In Liebe verankert – durch Werke der Barmherzigkeit. Fastenzeit mehr Herz, mehr Aufmerksamkeit, mehr Mut zur Veränderung. So wird dieses Hungertuch zum Bild der Fastenzeit: Das Dunkle bleibt real – aber es ist nicht das Letzte. Gottes Geist schenkt Kraft, damit Farbe in das Grau kommt. Hoffnung in die Enge. Licht in die Nacht. Und es stellt uns die Frage: Wo kann ich in dieser Fastenzeit „Wasser bringen“? Wo kann ich durch mein Tun, durch meine Zeit, durch mein Teilen, durch meine Stimme dazu beitragen, dass das Leben für andere heller wird?
Fastenzeit heisst: Umkehr, die sichtbar wird. Verankert in Liebe – durch Werke der Barmherzigkeit.
Gebet:
Gott des Lebens, in dieser Fastenzeit stehen wir vor dir und schauen auf das Hungertuch. Es zeigt uns die Enge der Hütten, die Last der Arbeit, die Not der Kranken und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Öffne unser Herz, damit uns das Leid anderer nicht gleichgültig wird. Öffne unsere Hände, damit wir teilen, helfen und uns einsetzen. Wie die Frau im Bild das Wasser bringt, so lass auch uns Trägerinnen und Träger des Lebens sein. Schenke uns deinen Geist, der Licht bringt in das Dunkle und Mut schenkt, wo Resignation droht. Verankere uns neu in deiner Liebe, damit wir feststehen in Barmherzigkeit. So führe uns durch diese Wochen der Umkehr auf Ostern zu – vom Staub zum Leben, von der Angst zur Hoffnung, von der Enge in die Weite deiner Liebe. Darum bitten wir Christus unseren Herrn. Amen.