Hungrige speisen
Die Fastenzeit beginnt nicht mit einer grossen Theorie, sondern mit einem einfachen Auftrag: Teilen. Wenn wir sagen, wir seien „verankert in Liebe“, dann muss diese Liebe sichtbar werden. Nicht in schönen Worten, sondern in konkreten Gesten. Die erste Woche der Fastenzeit stellt uns daher ein grundlegendes Werk der Barmherzigkeit vor: Hungrige speisen.
Hunger ist mehr als ein leerer Magen. Hunger ist Unsicherheit. Hunger ist Angst. Hunger ist die Erfahrung, dass das Lebensnotwendige fehlt. Und auch in unserem Umfeld gibt es Hunger: materiellen Hunger, aber auch Hunger nach Aufmerksamkeit, nach Zeit, nach Anerkennung.
Am ersten Fastensonntag hören wir vom Evangelium der Versuchung Jesu in der Wüste (Mt 4,1–11). Vierzig Tage fastet Jesus. Er erlebt Hunger – echten, körperlichen Hunger. Und genau dort setzt die erste Versuchung an: „Wenn du Gottes Sohn bist, so sag, dass diese Steine zu Brot werden.“ Es klingt vernünftig. Warum sollte man hungern, wenn man Macht hat? Warum nicht sofort den Mangel beseitigen?
Doch Jesu Antwort ist klar: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“
1. Hunger ernst nehmen – aber nicht nur satt machen
Jesus verharmlost den Hunger nicht. Er kennt ihn. Aber er macht deutlich: Der Mensch braucht mehr als Nahrung. Er braucht Sinn. Vertrauen. Beziehung zu Gott. Und trotzdem: Jesus wird später Tausende mit Brot speisen. Er wird Hungrige nicht vertrösten. Er wird nicht sagen: „Betet nur – das reicht.“ Das Evangelium zeigt uns also eine Spannung: Brot ist notwendig – aber Brot allein genügt nicht.
2. Was heisst das für uns? „Hungrige speisen“
Das Werk der Barmherzigkeit „Hungrige speisen“ bekommt in diesem Evangelium eine doppelte Tiefe:
Es heisst konkret: teilen, helfen, unterstützen. Es heisst zugleich: Menschen nicht nur mit Materiellem abspeisen, sondern ihre Würde achten.
Die Versuchung Jesu war auch eine Versuchung zur Machtdemonstration: „Mach doch schnell Brot – zeig, was du kannst!“ Doch Liebe handelt anders. Liebe teilt – ohne sich selbst zu inszenieren. Liebe hilft – ohne sich überlegen zu fühlen.
3. Die Wüste unserer Zeit
Unsere Welt kennt Hunger – realen Hunger.
Aber sie kennt auch andere Formen: Hunger nach Anerkennung - Hunger nach Sinn - Hunger nach Nähe - Hunger nach Gerechtigkeit. Das Evangelium fragt uns:
Wo begegne ich Menschen, die hungrig sind? Und wie kann ich helfen – mit Brot und mit Herz?
4. Verankert in Liebe
Jesus lehnt es ab, Steine in Brot zu verwandeln,
um sich selbst zu beweisen. Aber er verwandelt Menschen, damit sie füreinander Brot werden. Vielleicht ist das die Einladung dieser ersten Fastenwoche:
Nicht auf spektakuläre Wunder warten – sondern selbst zum Zeichen werden. Das ist herausfordernd. Denn Teilen bedeutet: Ich gebe nicht nur von meinem Überfluss. Ich lasse den anderen an meinem Leben teilhaben.
Teilen beginnt im Kleinen: Ein bewusst gespendeter Betrag, eine Mahlzeit, die ich nicht verschwende, ein Einkauf für jemanden, der es schwer hat, ein Besuch bei jemandem, der allein ist, ein offenes Ohr für den, der innerlich hungert.
Teilen ist kein Verlust. Es ist ein Zeichen von Vertrauen. Wer teilt, glaubt: Ich muss nicht alles festhalten. Gott sorgt. Gott trägt. Gott schenkt genug.
„Verankert in Liebe“ heisst deshalb: Mein Herz hängt nicht am Besitz, sondern an Gott. Und weil ich in seiner Liebe gehalten bin, kann ich loslassen und weitergeben.
Vielleicht ist diese erste Fastenwoche eine Einladung, uns zu fragen:
Wo konsumiere ich gedankenlos?
Wo könnte ich bewusst teilen?
Wen sehe ich in meiner Nähe, der „hungrig“ ist – nach Brot oder nach Zuwendung?
Die Fastenzeit ruft uns nicht zu einem traurigen Verzicht,
sondern zu einer freudigen Grosszügigkeit. Denn wer teilt, vermehrt das Leben. Und wo geteilt wird, wird Gottes Liebe sichtbar. So gehen wir in diese erste Woche mit einem einfachen Entschluss: Ich will aufmerksam sein. Ich will teilen. Ich will Hungrige speisen – mit Brot und mit Herz.